Das Clay Mathematics Institute (CMI) hat es 2000 zu einem der sieben Millennium-Probleme gekürt. Wer einen wissenschaftlich vollständigen Nachweis für die Lösung erbringt, hat Anspruch auf ein Preisgeld von einer Million US-Dollar. Bis heute wurde allerdings kein einziger Cent ausgezahlt. Der einzige potenzielle Preisträger, Grigori Perelman, hat die Belohnung für den Beweis der Poincaré-Vermutung ausgeschlagen.
Wie so oft im Bereich KI ist die Wirklichkeit allerdings komplexer. Die Mathematiker Tristan Buckmaster und Levent Alpöge arbeiteten mit KI-Unterstützung ebenfalls am Navier-Stokes-Problem, und zwar unter anderem mit OpenAI-Produkten. Buckmaster und Alpöge werfen OpenAI vor, dass die Lösung nur gefunden werden konnte, weil das Agentennetzwerk Zugriff auf ihre Vorarbeit gehabt hätte. OpenAI hält das für unwahrscheinlich, aber zeitgleich sei nicht ausschließbar, dass de-identifizierte Daten aus der Produktnutzung in die Modellverbesserung eingeflossen sind.
KI-Krimis wie diese haben psychologisch einen unangenehmen Nebeneffekt. Sie feuern das Wettrüsten an, und zwar nicht nur zwischen KI-Herstellern, sondern auch zwischen Mensch und Maschine. Denn die dadurch ausgelöste Erwartungshaltung über die Potenziale von KI landet schließlich in deutschen Büros.
In den meisten Fällen geht es bei Schatten-KI nicht darum, dem Unternehmen zu schaden. In Medienhäusern findet Schatten-KI zum Beispiel Anwendung, um die Transkription eines Interviews zu erleichtern. Geschieht das in einem privaten Account in einem Cloud-KI-System, droht Datenabfluss. Oder: Ein Bild wird mit einem KI-System bearbeitet, ohne die entsprechenden juristischen Vorkehrungen zu treffen.
Die nicht einvernehmliche Automatisierung und Vereinfachung von Arbeitsprozessen geht aber grundsätzlich mit der Frage einher, ob Mitarbeitende überhaupt noch den Aufgaben nachgehen, für die man sie eingestellt hat und wofür sie die Zeit nutzen, die durch KI eingespart wird. Bezahlt wird für acht Stunden, geleistet werden sechs. So zumindest die Vermutung.
Mitarbeitende stehen also vor einem Dilemma. Sie sollen KI-Kompetenz aufbauen, aber Organisationen schaffen dafür nicht immer den passenden Rahmen. Letztlich ist das eine Qualifizierungslücke, in der sich in Existenzängste manifestieren. Schatten-KI wird damit zur Selbstqualifizierung ohne Mandat auf eigenes Risiko: Wenn GPT-6 Astra genauso gut ein Schnittprogramm bedienen kann wie ein Mensch, dann muss ein Mensch zumindest wissen, wie er das KI-Modell so orchestriert, dass er seinen Job durch KI-Nutzung nicht selbst abschafft.
Überraschenderweise treffen hier die Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmenden zusammen. Denn was passiert mit Medienhäusern, wenn ein Wettbewerber einen Lern- und Experimentierraum bereitstellt, aber andere nicht? Wer offiziell experimentieren darf, tut es nicht mehr im privaten Account auf einem fremden Gerät. Ein KI-Verbot löst kein Sicherheits- und Organisationsproblem, öffnet dafür aber Tür und Tor für Loyalitätskonflikte und erschwert das interne Upskilling. Und jemand, der im Hintergrund KI nutzt, hat wertvolles Wissen, von dem das gesamte Haus profitieren kann – zum Beispiel, wo bisherige Prozesse nicht mehr funktionieren und wo die hauseigene Lösung nicht mithalten kann. Einem sinnvollen KI-Einsatz geht eine Bestandsaufnahme darüber voraus, welche Stellschrauben überhaupt angezogen werden müssen.
Im KI-Reallabor arbeiten wir deshalb mit Medienhäusern an Prototypen, um diesen Raum zu öffnen. Es geht um reale Probleme aus der Branche und mögliche KI-gestützte Lösungsansätze. Bei den MEDIENTAGEN München vom 21. bis zum 23. Oktober geben wir in unserem Pop-up-Showroom Einblick in unsere Arbeit. Wenn man KI clever angeht, profitieren Unternehmen und Mitarbeitende gleichermaßen.
Wer Inspiration sucht, findet sie vielleicht in unserem Showroom. Und bis dahin (und darüber hinaus) lohnt es sich, aktiv über Upskilling im eigenen Haus nachzudenken.
Wer nicht selbstwirksam tätig werden kann, brennt irgendwann aus. KI entfremdet den Menschen zunehmend von seiner Arbeit, und die Tatsache, dass die Mitarbeit von generativen Systemen zunehmend offengelegt werden soll, tut dazu ihr Übriges.
Wer viel mit KI arbeitet, lernt irgendwann fast automatisch, die Spuren generativer Technologien in den eigenen Arbeiten zu tilgen. Man kürzt den Text, man tauscht Worte aus, man glättet den Output. Wenn man auf der Textebene bleibt, dann funktioniert das. Es funktioniert nicht, wenn man sich generierte Bild-, Video- oder Audiodateien vornimmt.
Eine Seite lernt zu verbergen, das Publikum lernt zu erkennen. Und irgendwann wird aus „Gehört dieser Text noch mir?" eine andere Frage: Warum verwende ich für einen Prozess überhaupt KI? Weil der Output gut genug ist? Kommunikation ist nicht nur ein Mittel zum Zweck. Wie wir als Medienschaffende mit unseren Adressaten umgehen, ist selbst eine Markenbotschaft.
Bis bald bei den MEDIENTAGEN München und in der Grauzone KI
Felix Rieger
KI-Kompetenzzentrum Medien (KI.M)
Inhaltliche Mitarbeit. Jim Sengl Redaktionelle Mitarbeit: Giulia Neumeyer
KI & Kennzeichnung: Art. 50 KI-VO verstehen und KI-Inhalte richtig labeln
(15. Oktober, 11 bis 12 Uhr, online via Zoom)
Die Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Text-, Bild-, Video- und Audio-Inhalte nach Art. 50 der KI-Verordnung ist seit dem 2. August in Kraft. Dr. Jeannette Gorzala von AI ACT NOW klärt im Webinar über die wichtigsten Dos und Don'ts auf.
Deepdive: AI First statt AI added – und wie etablierte Medienunternehmen mithalten können
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